Allergienvorbeugung

Allergien bereits bei Ungeborenen und Säuglingen vorbeugen

Von Dr. med. Roland Wagner, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Allergologe

Dr. med. Roland Wagner

Die Neuerkrankungsrate für atopische Erkrankungen, wie Heuschnupfen, Neurodermitis, Asthma oder Nahrungsmittelallergien, stieg in den letzten Jahren stetig. Diese Erkrankungen gehören inzwischen in den Ländern mit hohem Lebensstandard zu den häufigsten chronischen Erkrankungen im Kinder- und Jugendalter. Um diesem Trend möglichst entgegenzuwirken, kommt der Prävention dieser Erkrankungen eine entscheidende Rolle zu.

Das individuelle Allergierisiko hängt von mehreren Faktoren ab. Dabei scheinen neben Umwelteinflüssen auch genetische Veranlagungen ausschlaggebend dafür zu sein. Für die familiäre Disposition konnten folgende Häufigkeitsraten für die Entwicklung von Allergien wissenschaftlich nachgewiesen werden:
Erkrankungsrisiko

  • keine Atopie in der Familie 5–10 %
  • ein Elternteil betroffen > 20 %
  • beide Elternteile betroffen > 40 %
  • beide Eltern und Geschwister betroffen > 85 %

Der wissenschaftlichen Forschung in den letzten Jahren ist es zu verdanken, dass wir inzwischen etwas mehr darüber wissen, welche Faktoren eine Rolle bei der Entwicklung von Allergien spielen und wie wir dieses Wissen einsetzen können, um Allergieprävention richtig zu betreiben.

Was ist vor der Geburt zu berücksichtigen?

Bereits in der Schwangerschaft kann durch eine gezielte Ernährung das Allergierisiko positiv beeinflusst werden. Eine fleischarme, mediterrane Ernährung mit viel Fisch, Olivenöl, Gemüse und Nüssen im letzten Drittel der Schwangerschaft senkt nachweislich das Allergierisiko bei Kindern. Eine allergenarme Diät in der Schwangerschaft hat dagegen keinen protektiven Wert. Gesichert ist auch der negative Einfluss von Tabakrauch – neben den vielen anderen negativen Folgen für Mutter und Kind – auf die spätere Entwicklung von Allergien beim noch ungeborenen Kind. Das gilt sowohl für das Aktivals auch das Passivrauchen.

Wann ist welche Nahrung geeignet, wenn das Neugeborene auf der Welt ist?

Stillen ist nicht nur aus ernährungsphysiologischen, psychologischen und infektiologischen Gründen in den ersten Lebensmonaten die beste Ernährung für das Baby, sondern eben auch aus allergologischer Sicht. Für Säuglinge, die in den ersten vier Monaten voll gestillt wurden, konnte ein präventiver Effekt hinsichtlich der Entstehung von Allergien bestätigt werden.

Kann ein Säugling nicht gestillt werden und besteht zudem ein erhöhtes familiäres Risiko für die Entwicklung von Allergien, sollte eine hydrolisierte Säuglingsmilch (HA-Nahrung) verwendet werden. Diese senkt das Risiko zum Beispiel für die Entstehung eines atopischen Ekzems um circa 50 Prozent (nach: GINI-Studie, 2012). Sowohl für das Stillen als auch für eine hypoallergene Nahrung konnte kein präventiver Effekt über den vierten Monat hinaus festgestellt werden.

Früher wurde die Meinung vertreten, möglichst spät die Beikost einzuführen, um damit das Allergierisiko zu senken. Inzwischen belegen wissenschaftliche Arbeiten, dass sich dadurch das Allergierisiko sogar erhöht. Als optimaler Zeitpunkt für die Beikosteinführung gilt der fünfte Lebensmonat. Auch die Vermeidung von Nahrungsmitteln mit hohem allergischem Potenzial, wie Kuhmilch, Erdnuss, Ei und Fisch, ist nicht zu empfehlen.

Was sollte noch beachtet werden?

Neben Tabakrauch können auch andere Luftschadstoffe wie Lösungsmittel, Stickoxide und Feinstaub das Risiko für die Entwicklung von Allergien erhöhen. Schimmelpilze fördern ebenso das Auftreten von Allergien. Häufiges Lüften wirkt dem entgegen.

Bei der Körperhygiene reicht bei Säuglingen oft bloßes Wasser aus. Ansonsten sollte man eine sanfte Babyseife wählen. Auch Duftstoffe gerade in Cremes steigern nachweislich das Risiko für Allergien.

Bei Impfungen gibt es keinen Hinweis dafür, dass dadurch vermehrt allergische Erkrankungen ausgelöst werden. Im Gegenteil, es konnte in der MASGeburtskohorte sogar ein protektiver Effekt durch die Mumps-Masern-Röteln-Impfung gegen das Auftreten von Asthma bronchiale aufgezeigt werden.