Oralchirurgie

Das Spektrum der Oralchirurgie ist breit gefächert

Von Dr. med. dent. Joachim G. Thummerer und Dr. med. dent. Martin B. Schubert

Von der Weisheitszahnentferung bis zum perfekten Implantat

Wir Oralchirurgen sind Fachzahnärzte, die neben der allgemeinen Zahnheilkunde eine vierjährige Weiterbildung auf dem Gebiet der zahnärztlichen Chirurgie absolviert und sich auf diesem Gebiet spezialisiert haben. Oft ergibt sich im Rahmen der zahnärztlichen Diagnose die Notwendigkeit eines chirurgischen Eingriffs. Dabei sollte vor der eigentlichen Behandlung eine fundierte Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese) sowie eine individuelle Aufklärung über Behandlungsalternativen und Behandlungsrisiken erfolgen. Das Leistungsspektrum der Oralchirurgie umfasst ein weites Feld, dazu gehören unter anderem die folgenden Eingriffe:

Weisheitszahnentfernung

Bei mehr als der Hälfte der Europäer ist der Kiefer für die Weisheitszähne zu klein. Schmerzen, Entzündungen oder Zahnverschiebungen sind häufige Folgen. Heutzutage ist die Weisheitszahnentfernung ein Standardeingriff und wird meist frühzeitig durchgeführt. Oralchirurgen sind speziell ausgebildet, auch tief im Kiefer liegende (verlagerte) Weisheitszähne schmerzlos und sicher zu entfernen.

Entfernung und Freilegung verlagerter Zähne

Durch Entwicklungsstörungen bleiben Zähne manchmal im Kiefer liegen und wachsen nicht zur Kauebene herauf. Ihre Entfernung kann aus verschiedenen Gründen notwendig werden, etwa durch Entzündungen, Geschwulstbildung oder den Abbau benachbarter Wurzeln. Wenn Platzmangel oder ein anderes Durchbruchshindernis besteht, können Zähne auch chirurgisch freigelegt und anschließend mittels kieferorthopädischer Maßnahmen in die Zahnreihe eingeordnet werden.

Wurzelspitzenresektion

Bei der Wurzelspitzenresektion handelt es sich um ein operatives Verfahren, das es erlaubt, wurzelkanalbehandelte Zähne zu erhalten, deren Wurzeln durch Entzündungen bereits stark geschädigt sind. Bei diesem Eingriff wird die Spitze der Zahnwurzel abgetrennt und die Entzündung entfernt. Nach erfolgreichem Eingriff kann der Zahn für weitere Zahnersatzmaßnahmen verwendet werden.

Implantologie und Knochenaufbau mittels Sinuslift

Einen komplexen Bereich stellt die Implantologie einschließlich aller knochenverbessernden Maßnahmen dar. Neben den rein biologischen Effekten der Knochenverpflanzung und -rekonstruktion sowie der eigentlichen Zahnimplantation wird so dem Entstehen psychischer und physischer Belastungen durch mangelhaft sitzenden Zahnersatz erfolgreich vorgebeugt.

Knochenverbessernde Maßnahmen können sowohl im Unterkiefer als auch im Oberkiefer durchgeführt werden. „Sinuslift“ ist ein operatives Verfahren, das auch bei stark reduziertem Kieferangebot im Oberkieferseitenzahnbereich Implantate ermöglicht. Dabei wird der Oberkieferknochen durch Knochenersatzmaterial oder Eigenknochentransplantate in Richtung Kieferhöhle aufgeschichtet.

Implantate übernehmen im Falle eines Zahnverlustes die Rolle der Zahnwurzel. Dadurch können Zahnlücken oder zahnlose Kiefer versorgt sowie Zahnprothesen fest im Kiefer verankert werden. Die Vorteile gegenüber anderen Methoden liegen auf der Hand: Im Gegensatz zum herkömmlichen Zahnersatz ist kein Beschleifen der gesunden Nachbarzähne nötig.

Es wird der gefürchtete Knochenschwund im zahnlosen Kiefer verhindert. Deshalb sollten Implantate immer so früh wie möglich nach einem Zahnverlust eingesetzt werden – noch bevor ein größerer Schwund des Kieferkamms stattgefunden hat. Implantate bestehen aus Reintitan oder Keramik und garantieren die höchste Biokompatibilität (keine Fremdkörper- oder Allergiereaktion des Körpers). Sie können perfekt an jeden individuellen Fall angepasst werden.

Vor dem Setzen von Implantaten ist Folgendes zu beachten:

  • Implantate können erst ab 18 bis 21 Jahren Lebensalter eingesetzt werden, wenn das Wachstum abgeschlossen ist.
  • Bakterielle Entzündungen müssen abgeheilt sein. Das Implantieren erfolgt sechs bis zwölf Wochen später.
  • Bei länger zurückliegendem Zahnverlust muss eventuell erst Knochen aufgebaut werden. Das Implantat ist erst nach zwei bis sechs Monaten eingeheilt und voll belastbar.
  • Erkrankungen wie schlecht eingestellter Diabetes oder Erkrankungen mit Immunschwäche, aber auch Nikotinkonsum, wirken sich negativ auf den Heilungsprozess aus. Ein Vorabgespräch mit dem Hausarzt ist deshalb zu empfehlen.
  • Osteoporose scheint keinen negativen Einfluss zu haben.

Parodontologie

Entzündungen des Zahnhalteapparates (Parodontitis), bestehend aus Zahnfleisch, Zahnfach und der Wurzeloberfläche, können zur Lockerung oder zum Verlust von Zähnen führen.

Während einer Parodontitistherapie werden die Zahnfleischtaschen mittels verschiedener Verfahren gereinigt und versucht, Gewebe zu erhalten, anstatt es zu entfernen. Bei weit fortgeschrittener Erkrankung kann es nötig sein, diese chirurgisch zu eröffnen und eine Reinigung unter Sicht durchzuführen. Hier können der gezielte Einsatz von Knochenersatzmaterial und medikamentösen Einlagen das Behandlungsergebnis verbessern. Die Voraussetzung für einen langfristigen Zahnerhalt ist jedoch die regelmäßige Vorsorge und Betreuung durch ein speziell geschultes Praxisteam.

Behandlung von Mundschleimhauterkrankungen

Veränderungen der Mundschleimhaut oder kleinere und größere Geschwülste bedürfen einer genaueren Diagnostik. Je nach Befund können lokale medikamentöse Maßnahmen erfolgen, oder es werden mittels eines kleinen chirurgischen Eingriffs Gewebeproben in örtlicher Betäubung entnommen, die histologisch genauer untersucht werden können.

Narkosebehandlung

Die meisten oralchirurgischen Behandlungen können mit örtlicher Betäubung durchgeführt werden. Angst vor Schmerzen führt aber oft dazu, dass notwendige Zahnbehandlungen unterlassen werden. Dabei können heute die notwendigen Eingriffe in Narkose erfolgen, ohne dass der Patient die Behandlung wahrnimmt. Je nach Art des Eingriffs ist eine Vollnarkose (Allgemeinanästhesie) oder eine Sedierung (Dämmerschlaf) durch einen Facharzt für Anästhesie angezeigt.